Eine der spannendsten Seiten meiner Tätigkeit als Lehrbeauftragte ist die Verbindung von Wissenschaft und Praxis.
An der Hochschule München begleite ich regelmäßig Bachelor- und Masterarbeiten zu aktuellen Fragestellungen des Supply Chain Managements. Eine dieser Arbeiten beschäftigte sich mit einem der derzeit spannendsten Zukunftsthemen: Agentic AI in der Supply-Chain-Planung.
Damit die Untersuchung nicht ausschließlich auf theoretischen Annahmen basiert, sondern ein realistisches Bild der Unternehmenspraxis zeichnet, habe ich mein nationales und internationales Supply-Chain-Netzwerk im Frühjahr 2026 eingeladen, an der Befragung teilzunehmen. Das Ergebnis war beeindruckend: 104 Fach- und Führungskräfte aus unterschiedlichen Branchen haben ihre Einschätzung zum Potenzial von Agentic AI abgegeben und damit einen wertvollen Beitrag zu dieser wissenschaftlichen Untersuchung geleistet.
Die Ergebnisse geben einen spannenden Einblick, wie Unternehmen die nächste Evolutionsstufe der Künstlichen Intelligenz heute bewerten.
Von Generativer KI zu Agentic AI
Künstliche Intelligenz entwickelt sich derzeit in einem rasanten Tempo. Während viele Unternehmen noch damit beschäftigt sind, Generative AI sinnvoll in ihre Prozesse zu integrieren, zeichnet sich bereits die nächste Entwicklungsstufe ab: Agentic AI. Im Gegensatz zu klassischen KI-Anwendungen, die vor allem Prognosen erstellen oder Handlungsempfehlungen geben, können agentische KI-Systeme eigenständig Aufgaben koordinieren, Entscheidungen vorbereiten, verschiedene Informationsquellen miteinander verknüpfen und ganze Prozessketten orchestrieren. Gerade für die Supply Chain Planung – geprägt von Unsicherheit, Zielkonflikten und einer Vielzahl voneinander abhängiger Entscheidungen – eröffnet dies völlig neue Möglichkeiten.
Die Praxis sieht großes Potenzial
Die erste Erkenntnis der Studie ist eindeutig:
Unternehmen bewerten das zukünftige Potenzial von Agentic AI ausgesprochen positiv.
- Durchschnittliche Bewertung: 4,22 von 5 Punkten
- Rund 90 % der Befragten sehen ein hohes oder sehr hohes Potenzial für den Einsatz von Agentic AI in der Supply-Chain-Planung.
Damit wird deutlich, dass Agentic AI längst nicht mehr als Zukunftsvision betrachtet wird, sondern zunehmend als Schlüsseltechnologie für die nächste Generation der Supply-Chain-Planung.
Wo sehen Unternehmen den größten Nutzen?
Die Befragten bewerteten sechs zentrale Planungsbereiche entlang der Supply Chain.
Die höchste durchschnittliche Bewertung erhielten:
- Bestandsplanung
- Beschaffungsplanung
- Nachfrageplanung / Demand Planning
- Produktionsplanung
- Transportplanung
- Distributionsplanung
Besonders interessant:
Auf die Frage, welcher einzelne Bereich das größte Potenzial besitzt, wurde am häufigsten die Nachfrageplanung / Demand Planning genannt.
Dies deutet darauf hin, dass Unternehmen insbesondere Demand Planning und Demand Sensing als strategischen Einstiegspunkt für Agentic AI betrachten, während die Bestandsplanung über alle Teilnehmer hinweg konstant sehr hohe Bewertungen erzielt.
Die größte Herausforderung ist nicht die KI
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung lautet:
Nicht die Technologie ist das eigentliche Problem.
Die Unternehmen sehen vielmehr zwei entscheidende Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz:
- hohe Datenqualität
- integrierte Datenlandschaften über Systemgrenzen hinweg
Lediglich rund 2 % der befragten Unternehmen verfügen heute über vollständig integrierte Planungsdaten. Fast die Hälfte beschreibt ihre Datenlandschaft lediglich als teilweise integriert.
Die Botschaft ist eindeutig: Ohne saubere und integrierte Daten kann Agentic AI ihr Potenzial nicht entfalten.
Schnellere Entscheidungen und bessere Zusammenarbeit
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Reaktionsfähigkeit von Unternehmen.
- Über 93 % der Befragten sind überzeugt, dass Agentic AI Unternehmen dabei unterstützen kann, schneller auf Veränderungen von Nachfrage, Lieferfähigkeit oder Kapazitäten zu reagieren.
- Rund 87 % erwarten außerdem eine deutlich bessere Koordination zwischen den verschiedenen Planungsbereichen.
Genau hierin dürfte einer der größten Mehrwerte von Agentic AI liegen: Nicht einzelne Planungsschritte werden intelligenter – vielmehr können zukünftig komplette Planungsprozesse übergreifend koordiniert werden.
Ein überraschendes Ergebnis
Besonders bemerkenswert ist ein Ergebnis, das einer häufig vertretenen Annahme widerspricht:
Unternehmen mit einem höheren Digitalisierungsgrad bewerten das Potenzial von Agentic AI nicht automatisch höher. Die entsprechende Forschungshypothese konnte nicht bestätigt werden. Das zeigt, dass Agentic AI branchenübergreifend als Zukunftstechnologie wahrgenommen wird – unabhängig davon, wie weit Unternehmen ihre digitale Transformation bereits vorangetrieben haben.
Warum solche Forschungsprojekte wichtig sind
Gerade an einer praxisorientierten Hochschule wie der Hochschule München zeigt sich, welchen Mehrwert die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft schaffen kann. Masterarbeiten wie diese ermöglichen es Studierenden, aktuelle Forschung mit realen Herausforderungen der Unternehmenspraxis zu verbinden. Gleichzeitig erhalten Unternehmen wertvolle Einblicke in neue Technologien und deren zukünftige Einsatzmöglichkeiten. Als Lehrbeauftragte ist es mir ein besonderes Anliegen, diesen Wissenstransfer aktiv zu fördern. Wissenschaft sollte nicht im Hörsaal enden. Sie sollte Unternehmen dabei unterstützen, fundierte Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
Mein herzlicher Dank gilt deshalb allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus meinem Netzwerk, die sich Zeit für die Befragung genommen und diese wissenschaftliche Arbeit unterstützt haben.
Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Unternehmen sehen Agentic AI nicht als Ersatz bestehender ERP- oder Advanced-Planning-Systeme. Vielmehr wird Agentic AI als intelligente Orchestrierungsschicht verstanden, die unterschiedliche Planungssysteme, Datenquellen und Entscheidungsprozesse miteinander verbindet und dadurch eine durchgängige End-to-End-Planung ermöglicht.
Die größte Herausforderung besteht deshalb nicht darin, bessere KI-Modelle zu entwickeln, sondern die Voraussetzungen für ihren erfolgreichen Einsatz zu schaffen: integrierte Prozesse, hochwertige Daten, klare Governance-Strukturen und die entsprechenden Kompetenzen der Mitarbeitenden.
Für mich bestätigt diese Studie eindrucksvoll, was wir bei PMI seit vielen Jahren vermitteln: Die Zukunft erfolgreicher Supply Chains entsteht dort, wo moderne Technologien auf integrierte Prozesse, fundiertes Fachwissen und gut ausgebildete Menschen treffen.
Über die Autorin
Andrea Walbert ist Geschäftsführerin der PMI Production Management Institute GmbH. Darüber hinaus ist sie Lehrbeauftragte für Supply Chain Management an der Hochschule München, wo sie Bachelor- und Masterarbeiten zu aktuellen Themen der digitalen Transformation und des Supply Chain Managements betreut. Dieser Gastbeitrag basiert auf einer von ihr begleiteten Masterarbeit zum Thema „Potenziale von Agentic AI in der Supply-Chain-Planung“, für deren empirische Untersuchung mehr als 100 Fach- und Führungskräfte aus ihrem Supply-Chain-Netzwerk gewonnen werden konnten.

